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Ein Aprilia SR 125 und sein Weg zum 24-h Rennen 2003
Ende 2002, ein Telefonat mit Thomas Beyer von Aprilia Deutschland, der SR 125 braucht mehr Leistung, er soll auf Siegeskurs bei der fünften Auflage des mittlerweile berühmt-berüchtigten 24-Stunden-Rennens auf dem Harzring gehen. Baut WMS das Rennfahrzeug neu auf?
 So sah der SR noch VOR dem Rennen im Jahr 2002 aus!
Eigentlich wollten wir bei WMS ja ein eigenes Team mit unserem Gilera Runner 180 ins Rennen schicken, doch solch ein Event braucht einiges an Vorarbeit und verschlingt neben einer Menge Geld auch jede Menge Zeit. Gerade davon haben wir im Moment eigentlich nicht wirklich genug. Nicht zuletzt aus diesem Grund haben wir für die Saison 2003 auf den Start unseres 70ccm Piaggio Zip SP in der Deutschen Meisterschaft verzichtet, doch der Rennvirus sitzt tief. OK, wir machen es, ist schließlich unser täglich Brot, bis zum Rennen ist noch viel Zeit und mit dem Aprilia Team als Partner sollte es an nichts mangeln!
Schon wenige Tage nach unserer Zusage stand der Aprilia SR 125 in unserer Werkstatt. Genau so wie er 2002 nach dem dritten Rang bei 24-h Rennen abgestellt wurde. Gezeichnet von einigen Stürzen und mit dem 173ccm luftgekühlten Malossi Triebwerk. Unser erster Eindruck: Mist, das wird doch mehr Arbeit als wir gedacht haben. Schließlich machen wir bei WMS keine halben Sachen und Aprilia ist ja auch nicht irgendein Auftraggeber. Wir verfallen aber nicht in Panik und machen erste einmal eine Bestandsaufnahme. Der Scooter muß in jedem Fall von Luft- auf Wasserkühlung umgebaut werden. Nur so läßt sich mehr Leistung gepaart mit 24 Stunden Haltbarkeit herausholen. Außerdem klagten praktisch alle Fahrer über ein miserables Fahrwerk. Sponsor Wilberts hatte über den Winter bereits ein Federbein für hinten beigesteuert, doch an der Seriengabel konnte auch der Fahrwerksspezialist Wilberts nicht mehr viel ausrichten. Letztendlich gab es praktisch an jeder Ecke des SR genug zu tun und somit haben wir ihn kurzerhand komplett zerlegt um ihn von Grund auf neu aufzubauen.
Das Chassis
Eigentlich wurde der SR noch nie wirklich zu einem Rennscooter umgebaut. Wir waren überrascht den Elektrostarter, Batterie, kompletten Kabelbaum etc. noch im Fahrzeug vorzufinden. Außerdem barg das Fahrzeug noch viele Details, die im Falle des Falles unnötige Umstände bei Reparaturen bereiten würden. Nachdem wir den Rahmen "nackt" auf der Bühne stehen hatten, fingen wir an nur noch das Allernötigste einzubauen. Zuerst wurde die Gabel neu gelagert. Die beiden Lenkkopflager hatten starke Druckstellen, die nicht wirklich einem besseren Handling zu Gute kamen. Gerne hätten wir eine komplett neue, einstellbare Radführung eingebaut, doch auf dem Markt gibt es leider kein passendes Teil für den SR. Auch der Umbau einer Malossi FS32-Gabel war nicht möglich, da praktisch alle Aufnahmepunkte, Längen und Winkel nicht übertragbar waren. Nun mußte der Kühler in der Frontmaske untergebracht werden. Der Kühler eines Serien-SR 50 LC ist für diese Zwecke ungeeignet, da viel zu klein. Wir nahmen einen großen Kühler aus unserem Angebot für den Piaggio Zip SP. Die Halterungen waren schnell angefertigt und der Kühler paßte 100% zwischen die vorhandenen Befestigungspunkte der SR-Frontmaske.
 Der große WMS-Kühler paßt zum Glück 100% hinter die originale Frontverkleidung des SR
Die Bremsanlage vorne war bereits überarbeitet. Die große Bremsscheibe des Aprilia Scarabeo versieht hier ihren Dienst per handgefertigtem Bremszangenadapter und Stahlflexbremsleitung. An der Bremse gab und gibt es beim SR also nichts zu meckern oder zu verbessern. Nur neue Bremsflüssigkeit haben wir ihr spendiert. Neuer Lenker, neue Hebelei und fertig war der Vorderbau des SR.
Am Heck gab es da schon mehr zu tun. Zuerst mußte eine Querstrebe am Rahmen herausgetrennt, neu angefertigt und einige Zentimeter nach hinten versetzt werden. Der wassergekühlte Zylinderkopf mit seinen Schlauchanschlüssen hätte sonst keinen Platz gefunden.
 Unser Azubi Lars zu später Stunde beim letzten Schliff an der Rahmenverstrebung. Er war schon etwas lichtscheu zu diesem Zeitpunkt ;-)
Das Helmfach haben wir unten geöffnet um besser an Motor und Vergaser zu gelangen. Schließlich wollen wir im Rennscooter auch keine Einkäufe unterbringen. Zündspule und CDI-Einheit wurden von ihrem Platz unter dem Trittbrett in das Helmfach verlegt um besser zugänglich zu sein. Nun wurde noch der hintere Spritzschutz gekappt und dann ging es an das Sorgenkind des SR 125, der beweglichen Motorlagerung. Das Piaggio-Triebwerk arbeitet auch im Gilera Runner oder Piaggio TPH geführt von einem Umlenkungsmechanismus, der unangenehme Vibrationen des Motors vom Fahrwerk fern halten soll, doch beim SR ist die ganze Sache leider nicht ganz so spurstabil umgesetzt worden. Die ganze Motoraufhängung ist extrem schwammig und macht im Prinzip alles außer den Motor samt Hinterrad in einer festen Bahn zu führen. Die beiden Silentgummilagerungen im Motorblock waren bereits im Vorfeld durch Kugellager ausgewechselt worden. Das brachte schon etwas Besserung, war aber nicht wirklich zufriedenstellend. In den beiden seitlich am Rahmen befestigten großen Gummilagerungen hatte der Motor noch immer extrem großes Spiel. Wir wollten den Motor in keinem Fall komplett starr mit dem Rahmen verbinden. Zu groß wären die Vibrationen und das Risiko, daß es dadurch über die 24-Stunden Renneinsatz hinweg vielleicht zu Rissen am Rahmen oder am Motorblock führen könnte. Aus diesem Grund haben wir Hülsen angefertigt in welche wir die Gummilager eingepresst und dann am Rahmen verschraubt haben. So war der Motor endlich in einem erträglichen Maß "ordentlich" geführt. An dieser Stelle sei erwähnt, daß diese Arbeiten sich einfach anhören, doch in der Realität verschlingen sie Stunden über Stunden an wertvoller Arbeitszeit bis man am Ziel ist. Alleine für die Motorlagerung haben wir das Triebwerk bestimmt 10mal aus- und eingebaut, Distanzhülsen gedreht, Buchsen gefertigt, Halteschrauben abgelängt... und ehe man sich versieht ist es 2 Uhr am Morgen und man hat 8 Stunden "nur" an der Motorlagerung gearbeitet!!!
 Kugellager statt Gummibuchsen im Motorblock Die beiden eingepreßten Silentaufhängungen im Vergleich zur Originalaufhängung (rechts)
Der Motor
Ursprünglich wollten wir den Original SR Motorblock nur mit der Bohrung für den Wasserzulauf an der Lichtmaschinenseite versehen und für den Wasserumlauf eine elektrische Wasserpumpe verwenden. Das wäre recht einfach gewesen, doch für den Renneinsatz hätten wir so zusätzlich die Wasserpumpe, eine Batterie und die komplette Stromversorgung "mitschleifen" müssen. Das ist Gewicht auf der einen Seite und weitere mögliche Fehlerquellen auf der anderen Seite. Gerade elektrische Bauteile bergen unvorhersehbare Tücken und das wollen wir im Rennen wirklich nicht haben. So haben wir uns entschlossen ein neues Motorgehäuse samt mechanischer Wasserpumpe zu verwenden. Diese verwenden wir seit Jahren auch in unseren 70ccm Rennmotoren und bislang hatten wir damit noch nie ein Problem. Zudem war das neue Motorgehäuse auch noch billiger als die Lösung per elektrischer Wasserpumpe.
Bei einem 24-Stunden-Rennen kommt es natürlich auch auf die Leistung an, doch in erster Linie muß solch ein Langstreckenmotor haltbar und für die Piloten angenehm zu fahren sein. Ein extrem bissiger Motor verlangt höchste Konzentration vom Fahrer. Bei einem 20 Minuten Sprintrennen ist das kein Thema, doch auch mit 6 Fahrern sind 24 Stunden seeehr lang und hier kommt es der Kondition der Piloten enorm zu Gute wenn sie ein gutmütiges Fahrzeug pilotieren können und kein zickiges PS-Monster bändigen müssen. Wir haben uns also für die softe Variante eines Rennmotors entschieden bei dem alle Bauteile harmonisch aufeinander abgestimmt sind und im Gesamtpaket sehr gut funktionieren. Beim 173ccm Zylinderkit von Malossi haben wir die Übertströmkanäle zum Motorblock auf das Maximum erweitert. Dies natürlich in Verbindung mit dem Motorgehäuse, welches wir wiederum an den Zylinder angeglichen haben. Den Anschlußflansch der Malossi MHR Auspuffanlage haben wir von seiner ursprünglich konischen Form auf einen durchgehend großen Durchmesser aufgedreht. Der Auslaßkanal am Zylinder wurde dazu passend aufgefräst und poliert. Beim Zylinderkopf griffen wir in das Regal mit unseren Spezialteilen und montierten unseren KB-Zylinderkopf, dessen Vorteile ausführlich in unserem Onlineshop beschrieben sind. Kurbelwelle, Membrane, Variomatik und Kupplung stammen alle aus dem Malossi MHR Programm. Diese Bauteile haben sich vor allem in der Trofeo Gilera Runner seit Jahren bewährt und waren darum unsere erste Wahl. Beim Vergaser wollten wir ursprünglich auf unseren 28er Mikuni Flachschieber zurückgreifen. Wegen des relativ kleinen Tankinhalts des SR im Vergleich zur direkten Konkurrenz mit den Gilera Runner, entschlossen wir uns dann aber doch für den sparsameren 25er Dellorto. Wie schon erwähnt kommt es bei einem Langstreckenrennen nicht auf ein PS Leistung mehr oder wenigen an, wenn man dadurch vielleicht 2 Tankstops einsparen kann. Der erste Lauf auf dem Prüfstand stimmte uns gut. Im Vergleich zum luftgekühlten Motor des Vorjahres standen nun XXX PS mehr Leistung verteilt auf ein wesentlich breiteres nutzbares Drehzahlband zur Verfügung. Die Arbeit hatte sich also gelohnt und voll die gewünschten Verbesserungen gebracht!
 Fahrer Dennis mit dem neuen WMS-Aprilia SR 180 LC beim 24-h Rennen 2003
Eingetragen am: Freitag, 29. August 2003 Besuche: 14189
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